Angezählt?

„Der Vorhang zu und alle Fragen offen“ … so endet (nicht nur) das Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bert Brecht. Mit Kurz ist Schluss, als Kanzler, vorerst. Das war absehbar. Nicht zu überschauen ist, was sich nun wirklich geändert hat durch den Schritt zur Seite, den vom Bundespräsidenten bis zum Vizekanzler viele als Ausweg aus der Krise empfohlen hatten.

Wie steht es aktuell um den Rückhalt, auf den Kurz in seiner Partei noch bauen kann? Sein Chatverlauf, soweit bekannt geworden, dokumentiert einen Umgang, der zwischen Parteifreunden und -freunderln – bisweilen drastisch – unterscheidet. Und wenn es „die Partei“ war, die von Kurz am Freitag („Ich bleibe!“) auf Kurz am Samstag („Ich trete zur Seite!“) umgeschaltet hat, dann wird es zumindest interessant, wie es um die Schalthebel der Macht bestellt sein wird, an denen der Exkanzler künftig sitzen wird, als Klubobmann.

Die Strafverfahren gegen ihn laufen weiter, denkunmöglich, dass er sich in die Immunität zurückzieht. Wie das, alles in allem, sich auf sein Standing bei den WählerInnen, aber auch bei seinen Abgeordneten, auswirken wird, ist zurzeit nicht absehbar. Sein Charisma als Heilsgestalt, sein Mana als Häuptling, seine Führungsrolle als Stammeshäuptling scheinen angekratzt. Es war offensichtlich nicht primär seine eigene Entscheidung, zur Seite zu treten. Und da darf man schon fragen, wer ihm künftig die Hand führt, wenn er an den vermeintlichen Schalthebeln der Macht sitzt.

Viel wird davon abhängen, welche Wahlergebnisse mit Sebastian Kurz künftig zu erwarten sind. Derzeit darf sich niemand außer FPÖ, NEOS und Impfgegnern Neuwahlen wünschen; es würde mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Verlängerung des Patt hinauslaufen. Vermutlich ist das auch die letzte Hoffnung, auf die Kurz bauen kann: Er hält sich für, Merkel-Zitat, alternativlos. Wie schnell sich das ändern kann, zeigen nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch jüngste Wahlergebnisse von Graz bis Berlin.

An sich interessant und spannend – lebten wir nicht in Zeiten, die nach raschen, klugen und von breitem Konsens getragenen Entscheidungen verlangen. 2021 ist kein Ambiente für Sandkastenspielchen.

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